Ursprung des Schützenwesens

vogelDen Vogel auf der Stange abzuschießen ist eine der ältesten Handlungen der Schützen, die sich bis in die heutige Zeit erhalten haben. Bereits in prähistorischer Zeit war es in ganz Europa Brauch, den Zaunkönig zu jagen, feierlich zu opfern und als Gottheit auf einer Stange von Tür zu Tür zu tragen in einer religiösen, heidnischen Prozession. Das Vogelschussritual wurde auch in der Antike ausgeübt. Es gibt zahlreiche Darstellungen antiker Schützen, die einen auf einer Stange sitzenden Vogel treffen wollen. Das Nibelungenlied, die mittelhochdeutsche Dichtung aus dem 13. Jahrhundert, beschreibt ebenfalls das Vogelschiessen.

Die ersten glaubwürdigen Nachrichten über Schützengesellschaften tauchen gegen Ende des 13. Jahrhunderts auf. Im Allgemeinen sind vorgefundene Statuten die zuverlässigsten Zeugnisse für die Existenz einer entsprechenden Gesellschaft. Es ist in diesem Zusammenhang wahrscheinlich, dass die Gründungen um einige Jahre oder sogar um Jahrzehnte vor der Zeit der Abfassung von Statuten erfolgten. Die meisten Vereinigungen verfassten erst nach Jahren ihres Bestehens schriftlich ihre Satzungen. Es ist daher nicht gesagt, dass eine Gesellschaft, deren Schriftstücke sich durch glückliche Umstände als älteste erhalten haben, auch tatsächlich die älteste Gesellschaft ist. Anzunehmen ist jedoch, dass die Aufstellung von Regelwerken zum Alter und zur Ausbreitung von Gesellschaften parallel verlief.

In der Literatur finden sich Hinweise darauf, dass die Entstehung erster Schützengesellschaften gegen Ende des 13. Jahrhunderts in Flandern erfolgte. Eine Verbreitung erfolgte von dort nach Süden, Osten und Norden. Um 1400 erreichte die Schützenbewegung bereits die nördlichen Niederlande und das Rheinland. Sehr schnell breitete sie sich dann zu Beginn des 15. Jahrhunderts in den übrigen Gebieten Mitteleuropas bis ins Baltikum aus.

Die ältesten bisher bekannt gewordenen Schützenstatuten des 13. Jahrhunderts stammen aus dem kleinen brabantischen Ort Everberg in der Nähe von Löwen.

Die Ursachen für die Entstehung von Schützengesellschaften dürften geklärt sein. Anlass für deren Gründungen waren in der Regel äußere Notfälle wie Krieg, Straßenraub oder Seuchen.

Das Aufkommen der Armbrust gegen Ende der Kreuzzüge wirkte mit hoher Wahrscheinlichkeit auf die Verbreitung des Schützenwesen verstärkend.

Das Bürgertum, das in den Städten eine große Selbständigkeit erlangt hatte, begann frühzeitig sich in Gilden zu organisieren und im Bogen- und Armbrustschießen zu üben.

Wie im Mittelalter alle Zwecke von sozialer Bedeutung durch Zusammenschlüsse in Gilden erreicht wurden, so auch die Ausbildung im Umgang mit den Schusswaffen. Daraus erklärt sich zweifelsohne auch das gegen Ende des 13. Jahrhunderts erfolgtes Entstehen von Schützengesellschaften.

Durch die zeitbedingten militärischen Verhältnisse und Bedürfnisse erlebten die Schützengilden im Verlauf des 14. Jahrhunderts einen mächtigen Aufschwung. In Nordfrankreich wurde diese Entwicklung durch den Ausbruch des Hundertjährigen Krieges beschleunigt, in dem unruhigen Grenzland Flandern durch die stete Kampfbereitschaft des dortigen freiheitsliebenden Bürgertums.

Mit dem Wachsen der Städte erkannten viele Stadtführungskräfte den Nutzen der Schützen für die Verteidigung ihrer Stadt. Obwohl das Können der Schützen den Stadtvätern von Nutzen war, wurden sie von ihnen misstrauisch behandelt. Sie durften die Stadtmauer verteidigen, sie durften das Schießen zu festgelegten Zeiten an bestimmten Plätzen auch üben, sie wurden aber gezwungen, danach ihre Waffen beim “Armbruster”, dem Waffenhaus der Stadt, wieder abzuliefern.

Da das mittelalterliche Denken keine Trennung zwischen rein weltlichen und rein kirchlichen Bereichen kannte, waren die Schützengesellschaften, wie alle anderen Vereinigungen auch, stets kirchliche Bruderschaften. Erst in nachreformatorischer Zeit entstanden Vereinigungen, die keine Bindungen mehr an die Kirche erkennen lassen.

In den Friedenszeiten des Spätmittelalters war der eigentliche Zweck der Schützenvereinigungen das reine Schießwesen. Es fanden regelmäßige Waffenübungen, Schützenfeste und Schießwettspiele statt. Insbesondere wurde demjenigen, der den Vogel abschoss, die Königswürde verliehen.

Der Umzug des Königs in feierlicher Prozession hinter dem heiligen Sinnbild und das Weitertragen von Haus zu Haus, damit Land, Haus und Anwohner geschützt werden sollten, beobachteten die geistlichen Kirchenväter mit wachsender Sorge. Sie versuchten die Schützengilden zu beeinflussen, anstelle des Holzvogels das Bild des Gekreuzigten und statt des Schützenkönigs den Priester zu stellen. Die Schützen blieben aber bei ihrem Schützenkönig und bei ihrem Vogel.

Im 15.Jhd waren vielfach die Schützengilden so reich und mächtig, dass sie ihre Heiligtümer, die Kleinodien, immer prunkvoller ausstatten konnten. So ließ zum Beispiel die Grüne Gilde zu Kiel einen Vogel aus 1 Pfund massivem Silber herstellen und legte ausdrücklich. fest, dass der Schützenkönig dieses Würdezeichen an allen heiligen Tagen in ehrenhafter Weise zu tragen habe.

Der Klerus konnte diesen heidnischen Gebräuchen erst Einhalt gebieten, als er die geweihte Hostie, das Allerheiligste der katholischen Kirche, in einer Monstranz präsentierte, die sich an die Gestalt eines Vogels anlehnte.

Nach diesem Umstellungsprozess gingen auch die Schützen in den Fronleichnamsprozessionen hinter dem Baldachin her und ließen sich weiter christianisieren. Bald hatten sie ihren besonderen Schutzheiligen, besondere Kleinodien, eigene Fahnen, eigenes Kirchengerät, Kerzen, Gerätschaften und dergleichen mehr. Sie hatten ihre eigene Jahrestagsfeier und nahmen geschlossen an Gottesdiensten und feierlichen Umzügen teil.

Wer in eine Schützenbruderschaft aufgenommen werden wollte, der musste vor allem einen guten Leumund haben, ein Vermögen als Aufnahmegebühr bezahlen und sich verpflichten, seinen Schützenbrüdern in Notzeiten zu helfen. Die Zünfte hatten in ihren Statuten gleiche Ideale und Regelungen. Schützengilden und Bruderschaften waren mehr soziale Zusammenschlüsse und dienten dem gegenseitigen Schutz.

Die Verteidigungsanlagen der Städte wurden in der Regel durch die Schützen gepflegt und bewacht. Sonntag für Sonntag zogen die Schützen der Gemeinden zum Stadtgraben und übten sich im Schießen mit der Armbrust. Aber, wie schon erwähnt, sorgten überängstliche Stadtväter dafür, dass die Schützen nach dem Übungsschießen ihre Waffen wieder ablieferten und beim Armbruster deponierten.

Durch den wohlwollenden Einfluss des Klerus organisierten sich im 15. und 16 Jahrhundert die frommen Sebastianus Schützenbruderschaften. Allmählich verdrängte auch die Handfeuerwaffe Armbrust und Bogen. Bevorzugt wurden Luntenschlossgewehre. Das Schießpulver der Luntenschlossgewehre setzte sich aus einer Mischung aus Holzkohle. Schwefel und Salpeter zusammen. Als Anfeuchtmittel galt menschlicher Urin als sehr wirksam.

Die Wirksamkeit steigerte nach der Überlieferung der Urin eines Biertrinkers, besser noch der eines Wein trinkenden Bischofs, wenn er “frisch vom Fass” kam.

Aberglaube, Zauberei und Hexerei spielten zu allen Zeiten beim unfehlbaren Schießen eine große Rolle. Der “Freischütz” verkaufte seine arme Seele dem Teufel für eine unfehlbare Kugel.

Als Beimengungen beim Abgießen einer „Zauberkugel“ galten Erbsen, die aus dem Maul einer im Boden vergrabenen Schlange herauswuchsen als sehr wirksam. Aber auch der Strick eines Gehängten, das Brett eines Sarges oder gar Kleidungsstücke einer Leiche sollten dem Aberglauben nach Glück bringen.

Die Zauberei wurde strengstens geahndet. Die Hexenprozesse endeten oftmals am Schafott oder Scheiterhaufen.

Der “Römische Kaiser” hat 1708 in Prag ein “peinliches Recht für Schützenzauberei “erlassen, indem die “sichtbare oder arglistige Hilfe des bösen Geistes” mit dem Tode des Verbrennens bestraft wurde. So wurden viele gute Schützen oftmals verdächtigt, mit dem Teufel zu paktieren, und es gab Neider genug, die die guten Schützen denunzierten.

Wer mehrmals Schützenkönig war, kam leicht in den Verdacht, ein mit dem Teufel verbündeter Freischütz zu sein. Der Freischützprozess von 1710 in Böhmen wurde zum Inhalt einer Novelle von Johann August Apel, die er 1810 schrieb.

Die religiösen Verpflichtungen der meisten damaligen Schützenvereinigungen auch der St. Sebastianer standen im Wesen der Bruderschaften nicht im Vordergrund.

Obwohl Verpflichtungen einzelner Bruderschaften, wie der gemeinschaftliche Besuch der hl. Messe am Patronatstage oder die Teilnahme an der Fronleichnamsprozession, häufig in den Statuten erwähnt werden, ist darin nichts zu erkennen, was im Vergleich zu den bruderschaftlichen Zünften, die ähnliche Verpflichtungen kannten, typisch für die Schützenbruderschaften gewesen wäre. Solche Pflichten waren zur damaligen Zeit bei der engen Verflechtung aller Lebensbereiche mit der Kirche eine Selbstverständlichkeit.

Erst nach der Reformation und im Gefolge der Auswirkungen des Dreißigjährigen Krieges, als Anfeindungen gegenüber der Kirche offen auftraten, kam den Schützen nachweislich die besondere Aufgabe zu die Prozessionen zu sichern.

Der kirchliche Aspekt darf jedoch keinesfalls vernachlässigt bzw. unterschätzt werden. Zahlreiche bis heute erhaltene Traditionen, ja vielfach auch ganze Bruderschaften hätten die Wirren der Jahrhunderte gar nicht überstanden, wäre nicht die enge und tiefgläubige Bindung an die Kirche gewesen.

Zu den Aufgaben der Schützenbruderschaften gehörte es und gehört es auch noch heute, ihre Mitglieder zu einem christlichen Leben anzuhalten und sie auch zur geselligen Zusammenkunft zu vereinigen. Die Bruderschaften forderten ursprünglich von den Schützenbrüdern Gebetsübungen, Almosengaben, Dienst an den Armen, Opfer und Spenden für den Gottesdienst. Die Sorge für kranken Menschen, die anders als heute in der Gemeinschaft der Familie verblieben und die Sorge für das christliche Begräbnis sowie überhaupt Werke christlicher Nächstenliebe wurden als Aufgabe gesehen.

Auch bildeten sich im Mittelalter zahlreiche Pestbruderschaften, die sich der Pestkranken annahmen, die Leichen bestatteten und durch die Errichtung von Pestkapellen und -altären sowie durch die Verehrung des hl. Sebastianus und anderer Pestheiliger zur Abwehr der Seuche beitragen wollten. Nach dem Fortfall ihrer Hauptaufgabe mit dem Ende der Pesterkrankungen wandten sich viele solcher Bruderschaften dem Schützenwesen zu, indem sie sich mit Schützenbruderschaften verbanden oder sogar eigene Schützenbruderschaften gründeten.

Nachdem wir inzwischen wissen, dass das Schützenwesen ca. Mitte bis Ende des 14. Jahrhunderts auch im Rheinland Fuß fasste, wollen wir uns der Gründung unserer Bruderschaft in Ehrang zuwenden.